RE: Geschichten, die das Leben geschrieben haben könnte

#21 von Sonnenstrahl , 24.09.2021 13:50

Heute morgen höre ich den Wecker klingeln. Ich schalte ihn aus und bemerke, dass ich immer noch schwankend und wankend aufstehe. Alles dreht sich im Kreis. „Oh,“ dachte ich, „das kann heiter werden. Wenn mich mein Vater so sieht, hast du gleich den ersten Fehler begangen. Super!“
Ich wanke ins Bad, dusche, putze mir die Zähne, ziehe mir einen schwarzen Rock und eine weiße Bluse an, trinke zwei Kaffee, rauche dazu zwei Zigaretten, stecke mir einen Kaugummi in den Mund und versuche frisch zu wirken. Auf in den Kampf!

Mein erster Arbeitstag


Ich habe ganz schön Schiss, dass mein Vater mich schon am frühen Morgen mit einer Alkoholfahne erwischt. Gott sei Dank war er noch nicht anwesend. Ich gehe also ins Personalbüro und muss auf dem Flur noch etwas warten, weil die Damen sich verspäten. So habe ich mir das nicht gedacht. Ich sollte schon bei der Arbeit sein, es ist 06.10 Uhr und Dienstbeginn ist pünktlich um 06.00 Uhr. Falls mein Vater davon erfährt, gibt es Stress mit den Damen. Fünf Minuten warte ich noch bis die Mädels erscheinen.
Eine von ihnen sieht mich und kommt gleich auf mich zu. „Hallo, guten Morgen Johanna. Geht es Dir gut? Siehst ein bisschen blass aus.“ „Ja,“ sagte ich, „es ist ja auch noch früh am Morgen und ich habe auch noch nichts gegessen.“ Petra, das ist das Mädel, das bei mir steht meinte zwinkernd: „Frühstückspause ist um 08.00 bis 09.00 Uhr. Kannst Dich da etwas erholen..“
Ich fragte sie, ob sie mich an meinen Arbeitsplatz bringen kann, denn so langsam sollte ich etwas tun, sonst wird mein Vater erfahren, dass wir hier noch ein kleines Gespräch geführt haben und das wäre nicht gut. Dann hätte er wieder einen Grund zum schimpfen. Und den will ich ihm nicht liefern. Nicht am ersten Tag.

„Klar, mach ich das. Du fängst übrigens in der Poststelle an. Kannst also die Post, die herein kommt, nach den einzelnen Abteilungen sortieren und sie dann verteilen. Wie es dann weitergeht, wird Dir die Poststelle erklären.“ „Okay,“ meinte ich zu Petra, „dann bring mich mal ins Kellergeschoss.“


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RE: Geschichten, die das Leben geschrieben haben könnte

#22 von Sonnenstrahl , 13.10.2021 19:29

Mittlerweile ist es 06.30 Uhr. In der Poststelle stellen sich alle mit Namen vor, von denen ich die wenigsten behalten kann. Ich werde mit Briefen überschüttet, fange an zu sortieren und gehe dann zu den einzelnen Stationen und verteile sie. Schön sortiert, auf einem Wagen, schiebe ich die Briefe also durch das ganze Haus. Das dauert natürlich eine Weile und schon kann ich in der Kantine frühstücken gehen. Ich hole mir einen Kaffee und zwei Brötchen mit Käse. Inzwischen bin ich etwas wacher geworden, die Arbeit hat mir gut getan und natürlich auch die Gespräche mit meinen Kollegen und Kolleginnen. Was heißt hier Gespräche? Mehr als ein kurzes „Hallo“ und „Wie geht’s?“ ist sowieso nicht drin. Meine Kollegen haben Angst vor meinem Vater. Viele trauen sich nicht mehr, ein privates Gespräch zu führen, weil der Chef das auf den Tod nicht leiden kann. Früher war das anders, aber früher war vieles anders.

Mein erster Tag verging wie im Flug. Mittags kam nochmal Post rein, die durfte ich wieder sortieren und verteilen. Natürlich musste ich diesmal auch ins Büro meines Vaters. Ich klopfte an die Tür, mein Vater brummte: „Herein!“ und ich brachte ihm die Post, legte sie ihm auf den Schreibtisch.
Ich glaube, wenn ich ihn nicht angesprochen hätte, hätte er nicht mitbekommen, dass sich seine Tochter im Büro befand. Ich räuspere mich und er schaut kurz hoch, sieht mich und meint: „Ach, da ist sie wirklich. Hätte ich nicht für möglich gehalten.“ In mir kocht und brodelt es schon wieder. „Kann ich wieder gehen?“ frage ich ihn und füge noch hinzu:“Sonst koche ich über.“ „Was meinst Du denn damit?“

„Ich will damit nur sagen, dass Du vielleicht auch ein bisschen freundlicher zu mir sein kannst, wenn Du nur willst!“ „Ich freundlicher zu Dir? Wie wäre es anders herum? Dass Du freundlicher zu mir sein kannst? Johanna? Was sagst Du dazu? Du hast immer und immer wieder deine Pflichten vernachlässigt, mir gegenüber und vor allen Dingen Deiner Mutter gegenüber. Du rennst dauernd davon, wenn es brenzlig wird, wenn Dir etwas in den Weg kommt, was Dir unangenehm ist. Was sagst Du dazu? Wer unterhält Dich? Wer ernährt Dich? Bin das nicht ich?“
„Lieber Vater, ich weiß, dass Du mich finanziell sehr unterstützt, aber mit was denn sonst noch? Bekomme ich Liebe von Dir? Deine väterliche Liebe mir gegenüber lässt zu wünschen übrig. Du forderst immer nur Gehorsam, blinden Gehorsam. Was soll ich damit anfangen?
Wie soll ich denn damit klar kommen? Wie soll ich damit selbständig werden? Wie ein eigenes Leben führen? Ich kann keine eigenen Entscheidungen treffen, Du triffst sie für mich. Du hast mein Leben durchgeplant, durch getaktet in Minuten und noch nicht einmal eine davon ist für mich, sondern immer nur für Dich oder für die Firma. Das wollte ich Dir schon längst einmal gesagt haben und jetzt endlich, habe ich den Mut gefunden, der mir bisher immer gefehlt hat.“
Mit diesen Worten schließe ich die Tür des Büros von außen und gehe wieder zur Poststelle zurück. Scheinbar sehen meine Kollegen mir an, von wo ich gerade komme und bemitleiden mich. „Wir wissen, Du hast es schwer, gegen Deinen Vater anzutreten“, meinen sie alle miteinander, „es wird noch schwerer werden, befürchten wir.“ Ich schließe für einen Moment meine Augen, weil mich das dermaßen aufregt.


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#23 von Sonnenstrahl , 13.10.2021 19:30

„So, wir machen jetzt für eine halbe Stunde Kaffeepause, die wir uns verdient haben Johanna, sagt Petra, das Mädel von der Personalabteilung zu mir, die mich besucht, um zu sehen, wie es mir ergeht. „Gehst Du mit in die Kantine?“ fragt sie mich. „Klar gehe ich mit.“ antworte ich ihr.

Die Kantine ist nur halb so voll wie heute Morgen beim Frühstück. Das Mittagessen habe ich ausfallen lassen, weil ich zu der Zeit bei meinem Vater im Büro gewesen bin. Wir setzen uns in ein Eckchen, an einen Zweiertisch. „Kannst Du schon sagen,wie es Dir in der Postabteilung gefällt?“ Lachend antworte ich ihr: „Du, mir gefällt es gut, die Kollegen sind nett, soweit ich das beurteilen kann. Die Arbeit, die ich jetzt mache, ist einfach, aber abwechslungsreich, weil ich in verschiedene Abteilungen komme. Je nachdem, in welche ich die Post bringen muss.
Aber das eine sage ich Dir, die bei meinem Vater abzuliefern, wird wohl, wenn es tagtäglich sein wird, sehr, sehr schwierig werden. Wir kriegen uns regelmäßig in die Haare, sobald wir uns sehen, daran führt leider kein Weg vorbei.“Sie verzieht das Gesicht, als wolle sie sagen, dass das hinlänglich bekannt ist.

Zurück in der Poststelle sortiere ich noch einmal die Post, die verspätet kommt, dann sagt mein Kollege Heiner zu mir: „So, das war Dein erster Arbeitstag bei uns. Wenn wir Dich vielleicht in den nächsten Tagen an anderen Stelle einsetzen werden, wirst Du wahrscheinlich etwas mehr zu tun bekommen, aber für heute reicht es. Du machst jetzt Feierabend!“


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#24 von Sonnenstrahl , 13.10.2021 19:30

Mein erster Feierabend

Puuuuh, mir reicht´s! Endlich Feierabend! Natürlich lasse ich mir das nicht anmerken, aber ich bin überglücklich, dass ich nach Hause darf. Innerlich mache ich einen Freudensprung. Ich wünsche allen Kollegen und Kolleginnen einen schönen Feierabend und verschwinde.

Zu Hause angekommen, will ich mir etwas zu essen machen. Ein paar Brote reichen mir und dazu etwas Saft. Doch plötzlich höre ich aus dem Schlafzimmer Geräusche und schaue nach. Dann sehe ich Lisa, wie sie in die Schränke schaut. „Ach nein! Lisa! Scheiße! Was machst Du denn hier? Was willst Du hier? Ich habe Dir doch gestern gesagt, dass ich Zeit brauche, zum überlegen.
Wie bist Du überhaupt hier herein gekommen?

WAS WILLST DU HIER?“ Ich brülle sie regelrecht an, weil ich nicht fassen kann, dass Lisa die Frechheit besitzt, hier einfach zu erscheinen. „RAUS!“ sage ich zu ihr, während sie mich umarmen will. „Nein, ich habe Dir gesagt, dass ich mich jetzt noch nicht mit dieser Situation befassen kann, dass Du, Gerry, mein Ex, jetzt eine Frau bist. Damit komme ich noch nicht klar und auch nicht damit, dass Du, als Lisa, meine Freundin sein willst. Und jetzt VERSCHWINDE!“ Ich bin zwar leicht zu reizen, aber das geht gar nicht, was sie gerade bringt. Ich will heute Abend meine Ruhe und werde auch früh zu Bett gehen. Ich bugsiere sie aus dem Schlafzimmer und aus der Wohnung, die mein Vater mir finanziert, mein ach so großzügiger Vater.
Lisa steht draußen und bettelt: „Lass mich bitte wieder rein Johanna, ich muss und will mit Dir reden.“ „Nein, auf keinen Fall heute Lisa, das geht mir einfach zu schnell. Du kannst nicht erwarten, dass ich erfreut bin, wenn Du hier aufkreuzt und mit mir eine Freundschaft eingehen willst. Lisa, Du warst mein Freund Gerry, verstehst Du das denn nicht? Ich kann und will jetzt nicht darüber nachdenken! Lass mich eine Zeit lang in Ruhe!
Du weißt, wo ich wohne und kannst in zwei, drei Wochen wieder kommen, aber bis dahin hältst Du Dich von mir fern! Hast Du das verstanden? Fertig! Aus! Und tschüss!“ Was Lisa jetzt macht, ist mir egal, Hauptsache, sie steht nicht mehr vor der Wohnungstür.


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RE: Geschichten, die das Leben geschrieben haben könnte

#25 von Sonnenstrahl , 13.10.2021 19:31

Ich schaue durch den Spion und sehe sie nicht mehr. Vorsichtig mache ich die Tür auf und es steht keine Lisa mehr davor. Gott sei Dank! Sie hat mir gerade noch gefehlt. Sie soll mich bitte in Ruhe lassen, zumindest diese zwei oder auch drei Wochen.

Mir ist der Hunger vergangen, jetzt habe ich Lust auf ein Bier. Also mache ich mich auf den Weg zu Peter´s Pilsstube. Ich treffe natürlich den Wirt, der wie immer hinter der Theke steht, mir mit einem Wink zu verstehen gibt, dass er mein Bier schon zapft und zwei meiner Freunde, Maria und Jong, ein Koreaner, der schon jahrelang hier in der Stadt ist. Die beiden sind ein Pärchen und wollen demnächst heiraten, kirchlich und standesamtlich. Ich setze mich zu ihnen, allerdings nicht ohne sie zu fragen, ob ich störe. „Setze Dich Johanna, Du störst doch nicht!“ erwiderten beide.

„Was treibst Du so?“ fragt Jong mich. „Ich gehe seit heute arbeiten, in der Firma meines Vaters,“ erwidere ich, „vielleicht hat Dir Maria die Geschichte vom ersten und zweiten Angebot erzählt!?“ „Ja, hat sie und ich finde diese Angebot unter aller Kanone, muss ich Dir ganz ehrlich sagen. Wie er Dich unter Druck setzt, ist die Hölle. Das kann Dein Vater doch nicht machen!“ „Und ob er das kann. Ich muss die Erwartungen meines Vaters nur erfüllen und schon kann ich das Erbe antreten, wenn er ab tritt Ist zwar krass ausgedrückt, aber es trifft haargenau auf den Punkt!“


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RE: Geschichten, die das Leben geschrieben haben könnte

#26 von Sonnenstrahl , 13.10.2021 19:31

Peter bringt mir mein Bierchen an den Tisch und ich setze an zum trinken, da sehe ich mir schräg gegenüber Lisa sitzen, schon vergeht mir die Lust auf alles. „Oh je,“ sage ich nur, „oh je!“ „Was ist los?“ fragen Jong und Maria. „Nichts, ich bin gleich wieder da.“ Und schon bin ich auf dem Weg zu Lisa, die an einem großen Tisch sitzt, an den mindestens 10 Leute sitzen können. „Und was willst Du hier? Spionierst Du mir nach? Willst Du mich verfolgen? Oder mich stalken? Wenn Du nicht auf der Stelle dieses Lokal verlässt, bin ich weg. Ich habe keine Lust Dich immer und überall zu treffen! Merk Dir das!“
Lisa schaut mich ganz verdutzt an, weiß kaum, was sie sagen soll: „Ääähm, ich war doch vor Dir da, Du hast mich einfach übersehen, als Du ins Lokal gekommen bist. Aber wenn es Dir nicht recht ist, dass ich hier bin, gehe ich. Ich will Dich keineswegs stalken oder verfolgen, das liegt mir absolut fern. „Gut, dann bezahlst Du jetzt und gehst!“ Ich drehe mich um und gehe wieder zu Maria und Jong zurück. Ich lasse eine verdatterte Lisa zurück, die ganz schnell bezahlt und geht.

„Wer war denn das? Kennst Du die?“ fragt Maria mich. „Ach Maria, Du kennst mich doch mit meinen Wutausbrüchen, die kommen und gehen, wann sie wollen und jetzt richtete sich gerade die Wut gegen dieses Mädel, weil sie mich so angestarrt hat und das kann ich nicht ab.

Das weißt Du doch.“ Ich bete, dass sie mir diese Ausrede abnimmt. Und ich habe Glück, sie hat mir geglaubt. Ich wäre arg in Bedrängnis gekommen, hätte ich ihr alles erklären müssen. Später bekomme ich doch noch Hunger und esse ein paar Frikadellen, mit Ketchup und Brot.
Wir bleiben natürlich nicht nur zu dritt an diesem Tisch, es gesellen sich noch spät am Abend Peter und seine Frau Mirja dazu. Es ist eine schöne Runde, als ich nach Hause gehe.
Denn, wenn ich morgen früh wieder aufstehen soll, muss ich jetzt gehen. Ich mache mich also auf den Heimweg und verabschiede mich noch von meinen Freunden. Peter will mir noch ein Bierchen spendieren, das ich dankend ablehne.


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RE: Geschichten, die das Leben geschrieben haben könnte

#27 von Sonnenstrahl , 14.10.2021 18:49

Böse Überraschung

Als ich nach Hause komme, steht mein Vater vor der Tür und wartet auf mich. „Mist, verflucht,“ denke ich mir, „was will der denn schon wieder?

Ich hatte gestern Ärger mit Lisa, ich habe heute Streit mit meinem Vater gehabt und jetzt das auch noch!“ „Was willst Du?“ herrsche ich ihn an. „Mit Dir reden will ich, Johanna. Es ist an der Zeit, dass ich Dir die Wahrheit über mich erzähle und weshalb ich so erpicht darauf bin, aus Dir einen Mann zu machen.“ Natürlich bin ich neugierig, aber muss das gerade heute Abend sein? Ich habe mich so auf mein Bett gefreut und möchte nur eins: Schlafen! „Gut,“ sage ich zu ihm, lass uns reden.“

„Es fing alles an, als Deine Mutter und ich geheiratet haben,“ erzählte er, „wir hatten eine Vereinbarung zwischen uns getroffen, dass, wenn wir Kinder bekämen, es allesamt Jungen sein sollten. Doch als Du im Bauch Deiner Mutter herangewachsen bist, konnte sie nicht anders und hat Dich umsorgt, gepflegt und gehegt. Sie hat nur noch Tee oder Mineralwasser getrunken, immer nur das Gesündeste. Sie hat Dich so sehr lieb gewonnen, dass ich sogar eifersüchtig geworden bin.

Leider habe ich ihr aus Eifersucht in den Bauch getreten, wobei das Baby hätte Schaden erleiden können. Wir sind augenblicklich zum Arzt ins Krankenhaus gefahren, obwohl sie mit mir nicht mal mehr einen Meter fahren wollte, was ich verstehen kann. Deine Mutter wollte mit mir überhaupt nichts mehr zu tun haben, da ich aber als einziger zur Stelle war, musste sie mit mir vorlieb nehmen. Als wir im Krankenhaus ankamen, holte ich sofort einen Arzt zu Hilfe, der dann, Gott sei Dank, feststellte, dass mit dem Baby alles in Ordnung war.


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#28 von Sonnenstrahl , 14.10.2021 18:50

Dieses Baby warst Du Johanna und ich danke Gott dafür, dass Du am Leben bist. Ich erinnere mich immer wieder an diese Vereinbarung und das ist, warum ich so ungerecht, streng und unnachgiebig zu Dir bin. Weil Du für mich der Auslöser für meinen unverzeihlichen Fehltritt bist, den ich damals, als ich meiner Frau in den Bauch getreten habe, begangen habe. Ich kann mir vorstellen, wie geschockt Du sein musst. Ich kann verstehen, wenn Du Deinen Vater nicht mehr sehen willst. Ich kann Deine Wut, die Du jetzt empfinden musst, gut verstehen. Ich wollte Dir erklären, weshalb ich immer so zu Dir bin, wie ich bin.“

Mit diesen Worten kann ich gar nichts anfangen, in mir bebt alles und mir ist so schlecht, so elend zumute. Ich zittere am ganzen Körper. Ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Wie konnte er so etwas tun? Ich kann kaum atmen, so zerquetscht fühlt sich alles in mir an. Wie grausam konnte mein Vater sein? Und wie grausam konnte er noch sein? Welches Steigerung gab es bei ihm noch? Wie brutal er und auch seine Wahrheit ist. Was soll ich machen?
An die Arbeit morgen darf ich gar nicht denken, denn ich laufe ihm wieder über den Weg und ich wollte Abstand, einen sehr, sehr großen Abstand. Das kann doch wohl nicht wahr sein!


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#29 von Sonnenstrahl , 14.10.2021 18:51

„Du sagst gar nichts Johanna?“ Johanna? Joooohannaaaaa?
Die Worte höre ich, aber was soll ich dazu sagen?
Ich kann nichts sagen, es gibt keine Worte für meine Wut, für meinen Schock, für meine Kälte, die ich für meinen Vater im Augenblick empfinde. All das haben wir vor der Wohnungstür besprochen, also schließe ich leise die Tür auf, drehe mich nicht um, schließe die Tür hinter mir zu und lasse meinen Vater auf dem Flur stehen.

An Schlaf ist gar nicht zu denken. Wie soll das weiter gehen? Privat und in der Firma. Keine Vorstellung von dem, was mich morgen erwarten könnte, falls ich die Post wieder zu ihm ins Büro bringen sollte. Ob ich am Rad drehe, wenn ich ihn sehe, ob ich ihm einfach die Briefe wortlos auf den Tisch knalle und schnell wieder hinaus gehe. Ich kann es nicht drauf ankommen lassen. Das heißt, ich gehe jetzt ins Bett, versuche wenigstens ein paar Stunden zu schlafen und überlege morgen weiter, in aller Ruhe, wie es weiter gehen soll oder kann.

Ich werde morgen früh im Personalbüro anrufen und mich krank melden. Wenn die Damen wissen wollen, was ich habe, sollen sie sich an meinen Vater wenden.

Unruhig schlafe ich ein und träume von Briefen, von Brieftauben, die auf und ab fliegen, aber nicht dorthin, wo sie hin sollen, von Lisa, die mich zur Lesbe macht, von Gerry, der mit mir wieder eine Beziehung anfangen will und als letztes von meinem Vater, der mich, wie immer, beschimpft.


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RE: Geschichten, die das Leben geschrieben haben könnte

#30 von Sonnenstrahl , 14.10.2021 18:52

Was soll ich machen?

Heute wird nicht gefrühstückt!
Ich habe im Büro angerufen und mich krank gemeldet. Die Damen haben nicht gefragt, warum ich krank bin.

Ich gehe ein paar Schritte durch die noch etwas frische Luft, die Sonne scheint, ein paar Wolken sind am Himmel und das Städtchen ist noch ruhig um diese Uhrzeit, es ist gerade 07.00 Uhr.
Peter hat leider auch noch nicht auf, sonst hätte ich mich dorthin geflüchtet. Ich muss mit jemandem reden, sonst platze ich vor Zorn und Wut. Leider begegnet mir kein Mensch, mit dem ich hätte reden können. Aber, wer hätte mir helfen können? Keiner! Es tut nur gut, jemandem sein Leid klagen zu können.
Oh, ein Straßencafé hat offen, das ist schön. Ich setze mich draußen an einen Tisch und bestelle bei der Kellnerin einen großen, starken Kaffee und zwei Schokoladen-Croissants. Ich glaube, das tut mir jetzt gut. Frische Luft, ein Kaffee und etwas Süßes zu essen.

Ich überlege: „Vielleicht gibt es für dieses Problem, was zwischen meinem Vater und mir besteht, keine Lösung und ich zermartere mir das Gehirn umsonst. Verzeihen kann ich ihm nicht, jedenfalls noch nicht. Und das wird in nächster Zeit sicher nicht passieren. Was kann ich machen? Ihm aus dem Weg zu gehen, ist eine Lösung, ihm seinen Wunsch zu erfüllen ist eine andere. Welche Möglichkeiten gibt es für mich, dass ich nicht darunter leiden muss? Neuseeland? Mich hier nicht mehr blicken lassen?
Nein, das ist keine Lösung. Ich habe hier Freunde und Bekannte, die lasse ich nicht einfach im Stich.


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